01_progressive_optimism

progressive optimism
progressiver Optimismus

performance
in the streets of Berlin, various days
verschiedene Tage in Berlin

Es ist Februar in Berlin. Ein grauer Himmel und diverse besorgniserregende Vorkommnisse auf der Welt, bewegen mich dazu mit progressivem optimismus zu antworten. der progressive Optimismus hat die Gestalt einer grell bunten Figur, die sich an verschiedenen Tagen durch die Straßen Berlins bewegt.

An einem Tag im März wurde ich dabei von der Autorin Eva-Lena Lörzer begleitet.

Der folgende Text stammt von ihr.

An einem sonnigen Freitagmorgen Ende März bahnt sich eine undefinierbare Kunstfigur mit buntem Stoffetzenganzkörperkostüm, Kürbisartiger orangener Maske und einem orangenen Stoffbeutel mit dem Slogan: „Be a part of Tate“, einen Weg aus der Umkleidekabine einer Peek und Cloppenburg-Filiale. Auf der Straße reagieren die Menschen unterschiedlich: Die meisten nehmen die Figur entweder nicht wahr oder sehen absichtlich nicht zu ihr hin. Ein Jugendlicher rammt seinen Kumpel bei ihrem Anblick in die Hüfte und ruft: „Boah, was is’n das abgefucktes, Alter?“, eine Frau flüstert: „Soll man da Angst haben?“ Ein Mann sagt zu seiner Freundin: „Das sieht crass aus, wa?“, einer anderer: „Ich glaub, ich kenn das aus’m Fernsehen, Bunny oder so heißt das. Wegen Ostern und Fasching und so.“ Nur eine Frau , die mit einer Geldschale am Straßenrand sitzt, lächelt. Die Kunstfigur winkt ihr. Ein kleines Mädchen an der Hand seiner Mutter fragt die Figur auf Englisch: „Warum bist du so angezogen?“ Sie antwortet: „Weil es so schön bunt ist.“ Das kleine Mädchen nickt zustimmend und sagt: Ja, rot und gelb und grün und orange.“ Es sieht das Kostüm des undefinierbaren Wesens genauer an und sagt: „Aber ich kann deine Hand nicht sehen!“ Das Wesen streckt ihr die Hand hin. Das Mädchen lächelt zufrieden und beginnt, Luftsprünge zu machen. Vor Karstadt wird die Figur von einem Promoter von Amnesty International mit den Worten: „Du siehst ja cool aus“ angesprochen und lässt sich auf das Gespräch ein. Im Hintergrund spielt ein Straßenmusiker ein bedächtiges Lied über Revolutionen. Sinngemäß aus dem Englischen übersetzt haucht er: „Und die Welt wie wir sie kennen, geht zugrunde, zugrunnnnnde!“ Währenddessen sagt eine Promoterin zu einer Passantin: „Sehen Sie, bei uns ist heut’ Fasching“ und deutet dabei erst auf das Wesen, dann auf ihren Hut, einen Zylinder. Die Frau geht weiter, die Kunstfigur aber unterschreibt eine Mitgliedschaftserklärung. Der Promoter freut sich: „Cool, dich dabeizuhaben, gerade auch weil du so nett bist.“ Vor einem Billigbäcker sind alle Tische besetzt. Die Kunstfigur betritt den Laden. Die Angestellten, die gerade kichernd zusammenstehen, schrecken auf: Der Gesichtsausdruck des einzigen Mannes ist angespannt. Als die Figur aber ein Portemonnaie zückt und in freundlichem Ton bestellt, entspannen sich alle. Als sie den Laden bereits wieder verlassen hat fragt eine Verkäuferin eine andere: „Warum meinst du, läuft sie so rum?“ Ihre Kollegin antwortet: „Ach was weiß ich, vermutlich arbeitet sie in der Modeindustrie oder so.“ Die Figur setzt sich draußen an einen Tisch neben zwei Männer: Der eine der beiden trägt eine Sonnenbrille und starrt gedankenverloren ins Leere, der andere raucht eine Zigarre. Die Figur versucht, mit dem Sonnenbrillenträger ins Gespräch zu kommen. Sie fragt: „Jetzt ist wohl Frühling, was?“ Er reagiert nur mit einem zustimmenden Schnalzlaut. Sie fragt weiter: „Wissen Sie zufällig, ob die Eisheiligen schon da waren?“ Er schüttelt nur den Kopf. Die Figur versucht es noch ein letztes Mal: „Ich habe mal gehört, dass man nur auf den Balkon pflanzen kann, wenn die Eisheiligen da waren, aber ich weiß gar nicht, wann die kommen.“ Er zuckt einfach nur mit den Schultern und starrt weiter auf die Straße. Die Figur muss niesen. Eine Frau sagt „Gesundheit“, der Zigarrenraucher wiederholt den Wunsch. Die Figur erklärt: „Ist die Zigarre, das ist ein spezieller Rauch, den ich nicht gewöhnt bin.“ Der Zigarrenraucher sieht sie interessiert an: „Ah ja? Da bist du aber empfindlich.“ Die Figur geht in einen Adidas-Laden gegenüber der Bäckerei und fragt nach der Damenabteilung. Der Verkäufer sagt nur „oben“ und wendet sich wieder seiner Kassenabrechnung zu. Im oberen Stockwerk fragt die Figur einen weiteren Verkäufer, ob sie richtig sei in der Damenabteilung. Der Verkäufer sieht sie etwas spöttisch an und sagt: „Was weiß ich, ob du richtig bist. In der Damenabteilung biste aber was weiß ich was du bist?“ Die Figur erwidert : „Ach, weiß ich auch nicht“ und der Verkäufer fragt neugierig: „ Warum läufst du so rum? Ist heute was?“ Die Figur schüttelt den Kürbisähnlichen Kopf: „Nee, einfach nur so.“ Der Verkäufer tritt etwas an die Figur heran, betrachtet das Kostüm näher und sagt: „Ich dachte das sei für irgend’ne Kindergartenfeier oder so.“ Die Figur greift nach einem Damentrikot, befühlt den Stoff gedankenverloren und sagt: „Nee, ich hatte die Idee irgendwann im Februar, da war der Himmel grau und die Weltlage so schlecht und ich wollte einfach etwas Farbe reinbringen, weißte?“ Er lächelt und sagt: „Die Weltlage ist doch immer schlecht“. Und dann: „Aber das was du machst, finde ich gut, das unterstütz’ ich. Sehr mutig.“ Die Figur geht zur U-Bahn runter. Auf der Treppe erschrecken sich zwei entgegen kommende Mädchen so über ihren Anblick, dass sie laut aufschreien. Auf dem Bahngleis bewundert eine Frau das Kostüm, zwei Jugendliche bitten, mit dem Wesen ein Selfie machen zu dürfen. Die U-Bahn Richtung Rathaus Spandau fährt ein. In der Bahn beginnen die zwei Jugendlichen ein Gespräch. Sie erzählen, dass sie aus dem Irak und aus Syrien kämen und vor dem IS geflüchtet seien. Der Rest der mit ihnen fahrenden Gruppe diskutiert derweil lautstark auf Arabisch. Als der älteste der Gruppe aussteigt, sagt einer der Jugendlichen zu der Figur: „Er hat geschimpft, wir sollen nicht fotografieren. Er hat gesagt: Ich bin hier geboren und kenne die Regeln, ihr müsst noch lernen.“ Das Wesen fragt: „Und? Kennt ihr die Regeln? Wisst ihr wann man den Müll rausbringen darf?“ Einer der beiden Jugendlichen lacht: „Nee, ist zu viel. Zu viele Regeln.“ Die Figur fragt: „Seit wann seid ihr hier?“ Sie zucken die Schultern. Dann sagt der eine: „Seit zwei Jahren“. Der andere wirft ein: „Aber immer noch Flüchtlinge.“ Nach einer kurzen Pause sagt der andere der beiden Jugendlichen: „Aber Berlin ist schön, ne?“ und fragt dann: „Bist du Berlinerin?“ Die Figur schüttelt den Kopf: „Ich bin in Dresden aufgewachsen. Kennt ihr Dresden?“ Der eine der beiden sieht sie unsicher an. „Ja, mein Bruder wohnt da. Schöne Stadt, aber viele Nazis, oder?“ Die Figur nickt. Er sagt sichtlich erleichtert: „Merken Sie auch, ja?“ Die Figur nickt wieder. Er sagt: „Als ich einmal da war hat mal einer gesagt: Deine Haare sind schwarz. Da wusste ich nicht was sagen.“ Dann fragt er mit einem Mal: „Warum sind Sie so angezogen?“ Die Figur antwortet: „Ich fand, die Welt braucht etwas Farbe.“ Der beiden gucken irritiert: „Wie meinen Sie das, Farbe?“ fragt einer. Die Figur antwortet: „Naja, weil alles so negativ und grau war, damit man noch positiv bleibt.“ Die beiden tauschen zwei Sätze auf Arabisch. Dann zeigt der eine auf das Kostüm und fragt: „Und haben Sie das selber gemacht?“ Sie nickt und beide pfeifen bewundernd: „Sehr schön.“

Text, Photos: Eva-Lena Lörzer